Reisebericht von Gunthard Weber, Dezember 2004

 23. Dezember 2004

Das Ziel: Jigiya Bon in Bamako / Mali

Seit circa einem Jahr hatten wir für die Errichtung des Schulwohnheims Spenden gesammelt und reisten nun nach Bamako, um bei dessen Einweihung und Eröffnung die Mitglieder des deutschen Vereins Häuser der Hoffnung e.V. zu vertreten und den Stand des Projektes zu dokumentieren. Wir, das sind Gunthard Weber und seine Tochter Leonie.

Als wir am 16.12.2004 in Frankfurt losfliegen, haben wir neben unserem persönlichen Gepäck und der Video- und Fotoausrüstung vor allem Spenden und Geschenke dabei: Kleidung, Schuhe, französische Kinderbücher, eine Weltkarte, Bunt- und Bleistifte, Fieberthermometer, Taschenrechner für die Buchführung, Farbbänder und andere Kleinigkeiten, die in Mali schwer zu bekommen sind.

Am Flughafen in Bamako begrüßt uns Wilfried Hoffer, unser Freund, der das Büro der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) in Bamako leitet.
Beim Abendessen im Hofferschen Haus ist natürlich fast ausschließlich das Projekt Gesprächsthema: die Mädchen, Angestellten, die Pleiten, Höhepunkte, Herausforderungen, Finanzen. Wir haben uns das letzte Mal auf dem Afrika-Festival im Mai in Würzburg gesehen. Es gibt viel auszutauschen.
Duschen und müde in die Betten unter die Mosquitonetze. Draußen stoßen in den Mangobäumen die fliegenden Hunde merkwürdig hohe und schrille Pfeiftöne aus.

Straße im Viertel Daoudabougou.

Straße in Daoudabougou.

Auf dem Schulweg
Auf dem Weg zu einer der beiden Privatschulen, die von den Mädchen besucht werden.

Freitag, 17.12.2004
Die Fahrt zum Centre dauert zehn Minuten. Wir überqueren die Hauptstraße, die zur alten Brücke und so zum Zentrum von Bamako führt. Da es keine Ampeln gibt, ist bei dem lebhaften Morgenverkehr das Einfädeln und Überqueren eine Kunst.
Die Straße in dem alten Stadtteil Daoudabougou ist gesäumt von einfachen Läden, Märkten und Reklameschildern. Ausgeschlachtete Autos, viel Plastikmüll, Menschen zu Fuß, Frauen mit Lasten auf den Köpfen, Mopeds wohin man schaut; Wolken von Abgasen ausstoßende Lastwagen, Kleinbusse, in denen dichtgedrängt die buntgekleideten Passagiere sitzen. Immer wieder Obststände mit Bananen, Orangen, Papayas.

In einer Seitenstraße halten wir vor dem Centre: eine neu gebaute unverputzte Mauer um ein rechteckiges Grundsstück, eine große rostfarbene Eisentür mit einem etwas bombastischen, eingearbeiteten Ornament. Im Eingangsbereich betonieren viele Arbeiter den Platz zwischen dem alten Gebäude und dem neuen Mädchenhaus. Geradeaus unter dem großen Mangobaum die Kochstelle. Drumherum sitzen einige der Mädchen, Sali, die Köchin, Kadida die Frau des Wächters, einige Besucher. Es wird gekocht, gespielt, erzählt.
Wir werden von Mariam Sidibé, der Betreuerin der Kinder begrüßt. Gaoussou, der Bauleiter und Kalifa Koné, der Wächter-Hausmeister kommen hinzu. Le Patron und seine Tochter werden von allen Seiten begutachtet und die Kinder werden uns einzeln vorgestellt.

Die Besichtigung der Baustelle beginnt. Vorsicht, hier nicht hintreten, der Beton ist noch nicht fest. Aufpassen, das ist frisch gestrichen. Hier sollen Rosen hinkommen.
Die drei Häuser sind fast einzugsbereit, die gelben Fenster und Türen leuchten freundlich. Gleich rechts auf dem Grundstück liegt das langgestreckte Mädchenhaus mit fünf Zimmern. Davor verläuft eine überdachte Veranda. In der rechten Ecke neben dem Mädchenhaus die Toiletten- und Waschanlage, an der noch heftig gearbeitet wird.

Die Mädchen sind noch im alten Haus untergebracht. In wenigen Tagen werden sie umziehen. Zur Einweihung soll alles fertig sein.
Man zeigt uns die zwei Brunnen, aus denen bisher aus etwa acht Meter Tiefe Wasser an langen Seilen mit Eimern heraufgezogen wird. Über dem Brunnen vor dem Mädchenhaus wird gerade ein großes Wasserreservoir gebaut, in das das Nutzwasser automatisch gepumpt werden wird. Der Trinkwasseranschluss ist neben der Küche schon vorhanden. An dem Stromanschluss wird gerade noch gearbeitet. Die Standardbeleuchtung in Mali besorgen Neonröhren: nicht gerade gemütlich, aber schon beinahe ein Luxus hier.

Wir werden gleich in die Planungen miteinbezogen: Wie hoch sollen die Terrassenwände mit abwaschbarer Farbe gestrichen werden? Wo soll der Gemüsegarten angelegt werden, soll der Gemeinschaftsraum Glasfenster bekommen oder nur Mückengitter?
Wir fotografieren die unterschiedlichen Tätigkeiten auf dem Hof, die Arbeiten an und in den Gebäuden und unterhalten uns in unserem beschränkten Französisch mit den Angestellten und den Mädchen.

Einer der neuen Brunnen.

Einer der neuen Brunnen.

Sali kocht unter dem großen Mangobaum.
Sali kocht unter dem großen Mangobaum.

Sonntag, 19.12.2004
Besuch des Nationalmuseums. Gang durch das Stadtzentrum von Bamako.
Aufräum- und Putzarbeiten im Centre. Die Mädchen helfen kräftig mit.
Längs der Mauer werden Bougainvillées gepflanzt, vor dem Mädchenhaus zwei Kokospalmen, vor den Hauseingängen Rosen. Der Anstrich an der umgebenden Mauer wächst und wächst. An der noch mauerlosen Seite wird der ramponierte Drahtzaun mit den Binsenmatten wieder geschlossen. Großes Wäschewaschen. Immer häufiger kommen ältere Nachbarn in den Innenhof und wollen sehen, was hier entsteht.
Die kleineren Mädchen beschäftigen sich um den Mangobaum herum mit Gummitwist und Klatschspielen. Andere sticken in ihre neuen gelben Decken ihre Vornamen: Atoumata, Djeneba, Oumou…
Alles scheint alltäglich und gleichzeitig vibriert es irgendwie erwartungsvoll im Centre.

 

Montag, 20.12.2004
Einladungen zu der Einweihungsfeier eintüten, Pflanzen für die Grünflächen des Centre in einer Gärtnerei aussuchen und im Gewimmel der Altstadt Kacheln für die Toiletten und Waschräume kaufen. Bequeme Stühle für die zur Einweihungsfeier eingeladenen Honoratioren bestellen, unbedingt in blau-gelb. Übermorgen Abend um sechs Uhr können wir sie abholen. Eine Tonanlage brauchen wir auch noch. Ob wir den Botschafter fragen können? Es soll ja nichts kosten. Der Ministerin kann unmöglich zugemutet werden, ohne Mikro zu sprechen.
Zu Hause endlich die begrenzten Informationen zu den Lebensgeschichten der Mädchen aufschreiben. Ruth übersetzt, was Mariam sich bei den Aufnahmegesprächen notiert hat. Zwischendurch fortwährend unterbrechendes Telefonklingeln.
Gegen Abend kommt Dr. Salabary Doumbia vorbei, der bei der Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet und hervorragend deutsch spricht. Er hat sich bereit erklärt, die Interviews mit den Mädchen zu übersetzen. Das Konzept der Resilienz interessiert ihn sehr.
Wilfried Hoffer hat Geburtstag. Ein heiterer, herrlich lauer Abend draußen unter dem fülligen Halbmond im beleuchteten Garten zu acht mit Freunden von Hoffers, mit gutem Essen und Wein feiern wir den Geburtstag des Hausherrn: ein paar Stunden, in denen man sich dem Paradies näher fühlte als der malischen Realität. Solchen Widersprüchen ist man hier fortwährend ausgesetzt. Gespräche über Erlebtes, Erinnerungen, Träume, Außergewöhnliches und Skurriles, Not und Notwendiges und die Spiritualität und Banalität des gewöhnlichen Alltags.

Für die Eröffnung fehlen noch Stühle …

Für die Eröffnung fehlen noch Stühle…

Dienstag, 21.12.2004
Am Frühstückstisch werden wir mit „I ni sogoma“ (Du und der Morgen) begrüßt. Eine Frau antwortet darauf: „ Nse!“ (Ich und meine Stärke), ein Mann: „Nba“ (Ich und meine Mutter). Während des Frühstücks wird der Tag geplant.

Wir sind um neun Uhr beim Bürgermeister von Daoudabougou verabredet, der uns das Grundstück für das Centre zur Verfügung gestellt hat.
Er wirkt erst etwas uninteressiert, als er leise antwortet merkt man aber, dass er zugehört hat. Er zeigt Interesse, das Centre weiter zu unterstützen. Dann kurz zu seinem Assistenten, dann zum Generalsekretär. Ruth Hoffer kennt viele und wird von vielen begrüßt. Ein Mann, der uns anspricht, möchte, dass seine 14-jährige Tochter ins Zentrum kommt. Er sei arbeitslos und könne sie nicht ernähren und zur Schule schicken. Nach dem 6. Januar soll er mit ihr zu einem Gespräch im Centre vorbeikommen.
Leonie hat inzwischen mit Mariam die Privatschule, in die die Mädchen gehen, besucht. Der Schuldirektor schaut danach im Centre vorbei. Die Leistungen der Mädchen seien noch unter dem Klassenniveau, stiegen aber langsam.

Eine neue größere Aktion: Wir haben entschieden, dass der am Zentrum vorbeiführende Graben, der mit Müll und stinkenden Abwässern angereichert ist, zumindest im Bereich des Zentrums gereinigt werden soll. Die Arbeiter fangen sofort an. Der Müll wird mit Eselskarren weggekarrt. Die Müllabfuhr ist in Bamako kaum geregelt.
Bis Donnerstag sollen noch Schilder angebracht werden: „Jigiya Bon Nr. 1 – Centre d’ Appui a la Scolarisation des Filles“. Das Mädchenhaus soll in Erinnerung an den großen Einsatz von Ruth Hoffer „Maison Ruth Hoffer“ heißen.

Jigiya Bon bedeutet in der Sprache der grössten Volksgruppe der Bambara, dem Bamanan Haus der Hoffnung.

Centre zur Unterstützung des Schulbesuchs von Mädchen – Hinweisschild am Eingang.

Mittwoch, 22.12.2004
Von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags führen wir Interviews mit den Mädchen. Herr Doumbia ist ein hervorragender, sehr einfühlsamer Übersetzer.
Die meisten Mädchen haben sehr schwere Schicksale. Früher Verlust der Eltern, harte Arbeit, zum Teil schlechte Behandlung und oft nicht genug zu Essen. Auf die Frage, was die schwerste Zeit in ihrem Leben gewesen sei, antworten viele der Mädchen, es sei die Zeit gewesen, in der die Familie nicht mehr genug Geld hatte, die Kinder zur Schule zu schicken.
Wir sind beeindruckt, wie gut viele der Mädchen sich ausdrücken und ihre Situation reflektieren können. Viele der Lebensgeschichten rühren uns. Wir sind froh, zu hören, dass die Mädchen sich im Centre sehr wohl fühlen und sich der Chance, die ihnen die Schulbildung bietet, sehr bewusst sind. Viele betonen in den Gesprächen, wie wichtig ihnen der Schulabschluss ist.

Leonie und Gunthard Weber mit Dr. Salabary Doumbia, der bei der Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet und für uns übersetzt hat.

Donnerstag, 23.12.2004
Letzte Vorbereitungen für die Einweihungsfeier. Bleche mit kleinen Pizzen und Quiches werden gebacken, Getränke und Eisblöcke besorgt. Eine Leihfirma bringt Stühle und ein Schatten spendendes Zeltdach. Alle haben ihre Festtagskleidung angelegt.
Die Ministerin für Frauenangelegenheiten, Kinder und Familien sagt kurzfristig wegen eines Termins bei der Gattin des Präsidenten ab.
Der Beginn der Einweihungsfeier verzögert sich. Es gibt protokollarische Schwierigkeiten, wer vor oder nach wem sprechen darf. Mitglieder der Ministerien, des Rathauses, von Hilfsorganisationen sind anwesend, Nachbarn, Angehörige der Mädchen. Die Kinder singen Lieder. Reden werden auf französisch gehalten, Bänder durchtrennt und alles besichtigt. Besondere Beachtung finden die französischen Bücher, die wir mitgebracht haben. Sie sind in Afrika eine Kostbarkeit.
Félicitations!!!
Am liebsten will man noch vor einer der kleinen, neugepflanzten Palmen fotographiert werden. Nach zwei Stunden kehrt wieder Ruhe im Zentrum ein, aber alle Bleibenden sitzen noch lange beieinander und tauschen sich über das Geschehene aus.
Noch eine Teamsitzung mit Planungen für die nächste Zeit.
Der Bürgermeister von Daoudabougou hat angedeutet, dass das Zentrum vielleicht auch noch das gleichgroße Nachbargrundstück dazu bekommen könnte.
Wir überlegen, was es kosten würde, dort ein weiteres Haus für Mädchen zu bauen, die in die Gymnasialstufe gehen, eine Berufsausbildung absolvieren oder studieren wollen. Diese Mädchen würden dann weniger betreut und müssten für sich selbst kochen etc. und als Ausgleich die Schularbeiten der kleineren begleiten. Grundsätzlich wollen wir uns mehr auf die Grundschulbildung von Mädchen konzentrieren. Wir erwägen ein neues Programm für Mädchen, deren Familien intakt, aber sehr arm oder vorübergehend in Not geraten sind. Wir würden ihnen den Schulbesuch finanzieren, sie könnten aber bei ihren Familien wohnen bleiben.
Am letzten Abend erfahren wir von Ruth Hoffer, dass SchülerInnen des St.Irmengard Gymnasiums in Garmisch-Partenkirchen vor Weihnachten über 1600 Euro für Jigiya Bon gesammelt haben. Es freut uns sehr, dass deutsche SchülerInnen sich für malische engagieren.
Es war eine intensive Woche. Noch überzeugter als vorher, dass sich der Einsatz für die Schulbildung von Mädchen in Mali lohnt, fliegen wir spät abends zufrieden ab und sind rechtzeitig zum Weihnachtsfest in Deutschland zurück.

Gunthard Weber

Das Einweihungsfest mit Gästen.

Das Einweihungsfest von Jigiya Bon im Dezember 2004.

Singen zur Einweihungsfeier.

Singen zur Einweihungsfeier.

Weitere Bilder finden Sie im Bildarchiv.

0 0 votes
Article Rating
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments